Atlantis der Nordsee

Eine alte norwegische Legende berichtet, dass „irgendwo im Südwesten“ - also dort, wo heute die Nordsee ist- plötzlich ein Paradies auftaucht. Fischer hätten es ab und zu gesehen. Auch in England, den Niederlanden und Skandinavien glaubte man schon lange, dass auf dem Meeresboden der Nordsee eine versunkene Welt liegt.

Sehr, sehr lange waren das nur Vermutungen, beweisen konnte es niemand. Vor Englands Küste wurden bei extremem Niedrigwasser immer wieder Baumstümpfe sichtbar und man vermutete, dass dort einmal Land war und Bäume gewachsen sind. Die Engländer nannten sie „Noah’s Wälder“. 1998 legte ein schwerer Sturm eine Anlage frei, die die Engländer „Seahenge“ nannten. Sie bestand aus einem Kreis von gespaltenen Eichenstämmen, in der Mitte befand sich ein ganzer Eichenstamm. Wissenschaftler stellten fest, dass der Stamm in der Mitte des Kreises ca. 2.050 v.Chr. in die Erde gerammt wurde. Im 20. Jahrhundert schließlich fanden holländische Fischer immer öfter spektakulären Beifang in ihren Netzen, die eindeutig von menschlicher Besiedlung des heutigen Nordsee-Gebietes zeugten. So entdeckten sie z.B. ein Stück Torf, in dem eine 21 cm lange Harpune aus Knochen steckte. Sie war meisterlich geschnitzt und liebevoll verziert worden. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigten, dass sie ca. 11.740 v.Chr. hergestellt wurde. Inzwischen sind Hunderte von Funden gemacht worden. Werkzeuge, Knochen und Schmuckstücke belegen, dass die Menschen über Generationen in diesem Gebiet gelebt haben. 2009 fand ein niederländischer Fischer ein Stück Knochen in seinem Netz, das sich bei genauer Untersuchung als ein Teil des Schädelknochens eines Neandertalers herausstellte und mind. 35.000 Jahre alt ist. Alle Funde wurden im Gebiet der Untiefe „Doggerbank“ gemacht, so dass die Wissenschaftler das vermutete versunkene Land „Doggerland“ nannten.

Dank moderner Technik, die von der Ölindustrie für die Suchen nach Öl entwickelt wurde, wurde der Meeresboden mit Schallwellen untersucht. Vor ein paar Jahren stellte die Ölindustrie den engl. Wissenschaftlern die Daten zur Verfügung und die Ergebnisse waren erstaunlich. Das verschwundene Land war riesengroß. Im Norden verband es auf der Höhe der schottischen Inseln Großbritannien mit Dänemark, im Westen reichte es bis Irland und im Süden verband es das europäische Festland mit den britischen Inseln. Den Ärmelkanal gab es noch nicht und man konnte trockenen Fußes von Frankreich, den Niederlanden und Deutschland nach England wandern, ebenso von Dänemark nach England und Schottland. Damals war die Nordsee noch Festland und Großbritannien noch keine Insel. Das, was wir heute von Großbritannien kennen, war damals nichts anderes als ein rauer, unwirtlicher Bergrücken.

Die vielen Funde belegen, dass in Doggerland einst eine große Gruppe Menschen über viele Generationen hinweg lebte, jagte und sammelte. Hauptsächlich englische Wissenschaftler befassen sich mit der Erforschung von Doggerland und sind überzeugt, dass dieses Gebiet einst das Herz Europas war. Es gab Birken- und Fichtenwälder, Sümpfe, Seen und Flüsse, Rentier- und Bisonherden. Die Menschen lebten in einem Schlaraffenland – bis der Untergang seinen Lauf nahm.

Am Ende der letzten Eiszeit, vor ca. 20.000 bis 10.000 Jahren, lag der Meeresspiegel noch 120 Meter tiefer als heute. Das Schmelzwasser der abtauenden Gletscher ließ den Meeresspiegel immer weiter ansteigen und überflutete zuerst die Sümpfe und Täler, dann auch die Wälder. Die Menschen zogen sich auf Anhöhen zurück und wurden in ihrem Lebensraum immer weiter eingeschränkt. Die Landbrücke zwischen Dänemark und England war längst nicht mehr begehbar. Das Wasser stieg weiter und weiter und von dem Land blieben nur noch kleinere Anhöhen und Hügel zurück, auf den sich die Menschen in Sicherheit wähnten. Und dann kam es zur Katastrophe. Die Menschen wurden Opfer einer der größten Lawinen der Geschichte – sie wurden Opfer der Storegga-Rutschung vor der norwegischen Küste. Riesige Tsunamis rollten auf die Atlantikküsten Nordeuropas zu und vernichteten alles Leben. Spuren dieser Tsunamis sind an den Küsten Norwegens, Islands, den Shetland- und Färöer Inseln, Schottlands und Englands nachgewiesen worden. Zur gleichen Zeit ergossen sich die Wassermassen eines riesigen Gletschersees in Nordamerika in den Atlantik und ließen den Meeresspiegel schlagartig um 60 cm weiter ansteigen. Es blieben nur einige wenige kleine Anhöhen als Inseln übrig, die allerdings 7.500 v. Chr. ebenfalls im Meer versanken. Doggerland war für immer untergegangen. Der einzige verbliebene Rest von Doggerland ist Helgoland. Für die Steinzeitmenschen muss es ein wichtiges Zentrum gewesen sein, denn von dort kam der wichtige und hochbegehrte Feuerstein.

Weiterführende Links:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/doggerland-ende-der-insel-durch-tsunamis-in-der-nordsee-in-steinzeit-a-967147.html

http://archiv.ms-wissenschaft.de/blog/2012/08/doggerland-die-england-keine-insel-und-die-nordsee-noch-festland-war/

http://www.wissenschaft.de/archiv/-/journal_content/56/12054/2981402/Nordsee-Atlantis/





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